Reviews

Review of “Hearing Now” by Lesley Suzanne Dean, aka Alfred Ladylike

The women of Late Nights in Squat Bars, Dafne Della Dafne and Shanti Suki Osman, have been collaborating for over a decade, releasing feminist indytronic music and videos which are often as thought-provoking as they are infectiously danceable. In addition to this, LNISB have also been actively bringing female artists together in festivals, group exhibitions, and installations, including the current sound art installation, Hearing Now, which is on display this month at the O.T. Projektraum in Neukölln, Berlin. I visited their artist talk/performance last Sunday to get the low-down on their latest venture.

Inclusivity was a feature of the installation that jumped out at me immediately, as a ramp had been placed at the entrance, which is not normally there. The artists also have Braille and large print text available, the latter in both English and German, as well as tactile and visual art by Zara Morris accompanying some of the pieces. In the future, they intend to make aspects of their sound art even more accessible to people with disabilities by working palpably low vibrating frequencies into the design.

In honor of the exhibition, the O.T. bartender poured me a delightfully refreshing drink, the Pink Sonic, made with Gordon’s inexplicably “pink” flavored gin. Next I was treated to another cocktail, in which a vibrating cell phone was placed in a scotch glass and stirred with an active microphone, then garnished with some Ableton effects – delicious! This portion of LNISB’s live performance was inspired by Roswitha von den Driesch. I had actually come expecting the usual mirthful disconnect between a cerebral, experimental installation in one room and playful, dancey electrobeats in the other…but no, this time they left the colorful wigs at home and blurred the distinction between musician and sound artist.

For Hearing Now, Dafne and Suki produced the main body of work themselves. It comprises five newly created sound pieces inspired by and responding to feminist artists active in Berlin in the 1980s and 1990s, including Sylvia Hinz, DJ Ipek, and Christina Kubisch. Four pieces are meant to be listened to on headphones, while the fifth piece, Zimmerstärke, is projected into the room, alternating between subtle ambience and jarring noises. At one point, a loud, high-pitched signal from this piece caused everyone on headphones to look up and make eye contact with one another, wondering what the alarm was for. We then caught on to the artists’ intent, exchanged reassuring glances, and resumed immersion in whatever we had been listening to previously. This sonic layering, in addition to the temporal fluidity of Fast Forward – Rewind and the interactive element of the Beat Station, ensures that each visitor experience will be completely individual.

The pieces are a blend of fresh recordings, samples of the researched artists, and interview and archival material, such as classical Indian singing lessons and works from Dafne’s and Suki’s previous projects – before they were Late Nights in Squat Bars. They used a mix of modern and retro instruments, styles, and sound mediums, on which familiar melodies collide with avant-garde soundscapes. This tactic illustrates how feminist art has changed over time while some of the underlying problems have unfortunately stayed the same.

As a part of the ongoing installation, there are three further performance/talks to check out (see latenightsinsquatbars.org/events for details). At these events, female artists from various disciplines will be contrasting sound with silence and/or vision. I urge you to meet the artists on one of these evenings, or visit the O.T. Projektraum on your own by June 28th, and get an earful of motivation to make, appreciate, and promote feminist art from your own unique perspective!

To quote one of the pieces, “Destroy the patriarchy with dissonance!” (From an interview with the multitalented Sylvia Hinz, who currently plays bass in the math metal band Coma Cluster Void…it’s really awesome to hear both women and men performing guttural/scream vocals together. That’s my tangential two cents!)

Lesley Suzanne Dean is an award-winning translator and hobby blogger, whose blog is currently inactive due to a hacker attack on her site, but she’s so focused on writing lyrics these days that she hardly noticed…her former ukulele rock band Donut Heart recently released a feminist song called Dude Band, and currently she’s working on her nerdy, queer solo project, Alfred Ladylike.

Watch Donut Heart’s funny feminist uke rock song, Dude Band: https://youtu.be/92Wz_lr3EB8

Hearing Now – gehört von Florence Freitag

Was erwartet man, wenn man in eine Ausstellung geht, deren Titel Hearing Now lautet? Was folgt, sind die Gedankengänge meiner Erfahrung, ein paar gesammelte, gehörte Stimmen und Eindrücke des Zuhörens, Mithörens, Hinhörens und Aufhörens und zwar nicht dasjenige, das aufhört im Sinne von endet, sondern dasjenige, das aufhorcht und weiter führt.

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© Katie Lee Dunbar

Hearing Now. Jetzt hören, hören im Jetzt, hören Heute, also in der Gegenwart. Das Hören, was jetzt ist, aber Hier und Jetzt auch das hören, was Gestern war… In jedem Fall stelle ich mir auf dem Weg in den O.T. Projektraum in Neukölln etwas vor, das klingt und meinen Hörsinn beansprucht und vor allen Dingen erwarte ich etwas, das von mir verlangt zuzuhören, dementsprechend auch offen zu sein, etwas zu hören. Hören bedeutet nicht nur physisches Wahrnehmen, sondern meint auch die Einstellung der- und desjenigen, die hören. Aber ich habe eine Vorahnung und dies nicht zuletzt, weil es Late Night in Squat Bars (LNISB), Shanti Suki und Dafne Della Dafne sind, die die Ausstellung zusammengestellt haben. LNISB sind zwei Musiker*innen, die aus Berlin heraus feministischen Elektropop produzieren. Sie geben zu hören und sie wollen gehört werden, diese zwei Aktionen gehören unmissverständlich zusammen. Hören und gehört werden! Vielleicht ist es das, was mich im Nachhinein durch die Ausstellung begleitet hat, die Frage, wem oder was Stimme gegeben wird. Und zwar eine Stimme, die gegen die ihr aufgedrängte Stille geht, was mich an Audre Lorde denken lässt und ihren Ausruf, dass einen die eigene Stille nicht beschützen wird und kann. Lorde ruft Frauen* und besonders Frauen* of Colour dazu auf, sich Gehör zu verschaffen.

Hearing Now geht es genau darum, um das Klingen und selbst erlaubte Laut-sein und das Nicht-verstummen und um alles unhörbare auch: das, was im Dazwischen liegt, im Zwischenraum der manchmal zu lauten, anderen Stimmen, die die leiseren übertünchen. Hearing Now ist eine Ausstellung, bei der man zweimal hinhören muss, wenn man die Dinge verstehen will und wenn man ihnen die Zeit gibt, die sie benötigen.

Gleich vom Betreten des Ausstellungsraumes werde ich auf eine Assoziationsreise geschickt. Und als erste Handlung nach meiner Rückkehr, die Selbstbeschreibung von LNISB noch im Kopf, nehme meine letzte Lektüre zur Hand: Sarah Ahmed, Living a feminist life, ein sehr greifbar starkes Buch, das feministische Stimme gibt und Gehör verschafft. Und die Stimmen sind es auch, die geblieben sind, wenn ich an meine Hörerfahrung in Hearing Now denke. Die Stimmen der vielen Frauen*, die darin vorkommen, manchmal glasklar und kraftvoll, wie die Stimme von Sylvia Hinz und dann wieder ungemütlich schwierig zu verstehen, wie in „Song for Ipek“. Ersteren hört man an einem Tisch zu an dem man ein iPad bedient; man setzt sich und hört gebannt dem knapp 17-minütigen Kommentar der Blockflötistin, Dirigentin, Kuratorin, experimentellen Musikerin und Feministin zu. Sie erzählt davon, wie sie Frauen fördern will und sie wirkt selbstbewusst dabei. In der Kunst gäbe es keinen Platz für Feminismus, habe sie einmal von einem Kollegen gehört. Natürlich möchte sie das Gegenteil beweisen und zeigen, wie wichtig es ist, die eigene Stimme zu finden, nicht nur im Sinne des Stimmorgans, sondern auch im Sinne einer ganz eigenen Meinung. Nach der viertel Stunde Hören fühlt man sich dazu ermächtigt, seiner Stimme Gehör zu verschaffen, sich auszuprobieren. Dass direkt neben dem Interview-iPad ein weiteres liegt, auf dem man mit Hilfe der „Beat Station“  seine eigene Version der Samples der Ausstellung erstellen kann, ist nicht ganz zufällig und ich beobachte, wie die Person neben mir freudig wiederholt auf eine der Tasten drückt. „Destroy the patriarchy with dissonance“, wie ich im Selbstversuch herausfinde, that made my day und gleichzeitig rauscht durch den Hintergrund im Raum ein schräger Tonaufschrei aus einem in der Ecke installierten Radio. Aus diesem klingt unentwegt die von Roswitha von den Drisch inspirierte Sound-Collage “Zimmerstärke”, die unser Zuhörvermögen herausfordert. Was genau höre und verstehe ich? Und was will ich verstehen? Es geht in schräge Höhen, es klirrt und kracht in meiner Erinnerung, Feldaufnahmen und Strassenlärm des Alexanderplatzes mischen sich mit Stimmen und Originalaufnahmen des O.T. Projektraumes und jeder Gast nähert sich dem Radio mit Vorsicht, Neugierde und Verwirrung, um herauszufinden, was einen so verstört und gleichzeitig anzieht.

Was sich im Raum durch die Arbeit von LNISB entwickelt, erscheint mir wie eine fröhliche Kakophonie der Dissonanz, eine Lücke in der pseudo-harmonisierten Welt, in der wir leben und auf die Lücken kommt es an.

Zurück zur Stimme. Ganz anders nun als diejenige von Sylvia Hinz klingt die Stimme im Stück „Song for Ipek“. Zunächst fällt die Installation kaum auf. Sie besteht aus einem schwarzen Vorhang, der einen an der Wand hängenden Kopfhörer verdeckt. Nur wenige stellen sich wirklich hinter diesen zum Hören. Es macht allerdings einiges aus, von den anderen ausgeschlossen zu sein, versteckt im Dunkeln. Das Sound-Stück problematisiert den „Selbst-Exotismus als eine Form der Selbstermächtigung“ von Frauen* of Colour. Und es ist das ungemütlichste Stück der Ausstellung, denn man will alles verstehen, kann aber die Frauen*stimme kaum heraushören, so sehr ist sie von Störlauten und Rauschen überdeckt. Ich schließe den Vorhang hinter mir, um ein wenig abgeschottet zu sein, schließe auch die Augen und frage mich daran zurückdenkend, ob es an mir lag, ob ich nicht aufmerksam genug war, aber Fetzen drangen zu mir durch und bleiben bis jetzt hängen: to not really be seen, to not really understand, to never be the one and always be the other, to not being ignored anymore.  „Song for Ipek“ spielt mit unserem Hörvermögen, aber auch mit unserem Verständnisvermögen und mit unserer Wahrnehmung. Was ist sichtbar und was nicht, was ist hörbar und was nicht und wann und warum? Vielleicht muss man nicht immer alles verstehen, aber in jedem Fall sollte man immer alles hören. Überhaupt, denke ich mir, hat das Ungemütliche es LNISB angetan. Nicht, dass der Raum ungemütlich wäre, im Gegenteil sogar. Aber es ist kein nur gemütliches Hörerleben, das sie geschaffen haben. Aus „gemütlich“ wachsen keine Stimmen denke ich mir und denke an das Quietschen und Fiepen der „Zimmerstärke“, dem Stück aus dem Radio in der Ecke.

Wenn ich versuche, die Stücke von Hearing Now miteinander zu verbinden, treffen Wahrnehmung und Verständnis (im Sinne eines verstehenden Gedankengangs) aufeinander. Beide wollen und lösen das selbe in mir aus. Sie suchen meine Aufmerksamkeit auf klug, subversive Art und Weise. „A way to subvert the dominant culture“, höre ich im „Song for Ipek“ an einer Stelle heraus, genau das ist es. Und dafür muss ich noch nicht einmal immer den Zusammenhang zwischen dem Stück und der Inspiration der Künstler*innen verstehen. Wenn man sich auf die Stücke von Hearing Now einlässt, tut sich ganz von selbst der Raum des Dazwischen auf und der Stimmen im Dazwischen, im gap. „Fast Forward-Rewind“ erinnert die Hörer*innen daran, dass 1997 die gender pay gap bei 21% lag. 2017 war es unverändert. Von hier zieht sich der Ton zu Sylvia Hinz, die einem Kollegen tatsächlich erklären musste, dass sie keinerlei Interesse daran hat, auf ein Konzert zu gehen, auf dem ausschließlich männliche Musiker Stücke von ausschließlich männlichen Komponisten spielen. Von sichtbaren Lücken keine Spur.

In dem positiv sonor-eklektischen Durcheinander, das in meinem Kopf herrscht, wenn ich an die Ausstellung von LNISB zurückdenke, bleibt besonders ein Klang hängen und zwar derjenige des Ozeans aus „Another Ocean“. Das Stück ist von Gudrun Gut, einer Legende der experimentellen und elektronischen Musik, inspiriert und ihrem Members of the Ocean Club, einer sozialen Skulptur, wie ich im Internet nachlese.

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© Katie Lee Dunbar

Vielleicht ist es das, was LNISB hier gemacht haben, eine soziale Skulptur schaffen. Denn auch, wenn Töne in erster Linie nicht sichtbar sind, so schaffen sie doch diverse Formen von sichtbaren und unsichtbaren Skulpturen. Die Bilder, die sie in unseren Köpfen entstehen lassen, die Strukturen und Stimmen, denen sie Gehör verschaffen und die soziale Skulptur, die wir als Zuhörer im Raum schaffen, wenn wir an der Ausstellung teilhaben, als einander Unbekannte. Und Teilhaben auch im Sinne von teilen und von momentaner Gemeinschaft.

Hearing Now ist nicht nur eine inklusive Ausstellung über Künstler*innen einer bestimmten Epoche, sondern ebenso ein Ensemble an extra für diesen Raum und für diesen Event geschaffenen Werken, Sound-Collagen, Eindrücken des Duos Late Night in Squat Bars und somit auch eine Ausstellung über Künstler*innen und ihre Arbeit und Arbeitsweisen Heute. Hearing Now ist ein Kommentar von Shanti Suki und Dafne Della Dafne, der laut sein möchte und laut sein darf. LNISB sprechen dabei deutlich aus der heutigen Situation und ihrer Erfahrungen als Musiker*innen im Jahr 2018. Sie spielen dabei auf ernste und leichte Weise mit dem, was Gestern war (von der Integration der Künstler*innen der 80er und 90er Jahre bis hin zur Reinterpretation des Kassettenspielers, den zumindest ich seit Jahren nicht mehr benutzt habe -be kind, rewind erhält eine ganz neue Bedeutung, ich spule mich gerne in jede Lücke, die mich zwischen wirklich guten Klängen zum Hören über die Tatsache einer männerdominierten Musikwelt informiert) und Hören sich in die Zukunft, bzw. lassen ihre Samples einen Aufruf nachklingen, der einen dazu bringt, beim nächsten Mal vielleicht etwas lauter zu sein und beim nächsten Mal vielleicht zweimal zu überlegen, wessen Stimme noch nicht gehört wurde.

Wenn ich jetzt nochmal an Sarah Ahmed denke, fallen mir ihre Wort am Anfang des Buches ein, „feminism is bringing people into the room“. Dieses Zusammenbringen ist nicht immer fuer alle hör– und sichtbar, aber es schafft Verbindungen und Verständnis und vor allen Dingen Sicht- und Hörbarkeit.

 

 

 

Flyer design by Zara Verity Morris, copyright 2018.

Press photo by Helin Bereket, copyright 2018.

Exhibition photos by Katie Lee Dunbar, copyright 2018.

 

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